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Vollständige Version anzeigen : Mystisches von Helgoland - Teil I


Jochen
16.06.2006, 10:54
Helgoland - eine Kurzgeschichte

(© 2006 Jochen)

Piet steht an Deck der Passagierfähre, lässig an die Reling gelehnt und betrachtet das Treiben am Kai. Piet, der eigentlich Peter Claus heißt, sein Leben in einer muffigen Kanzlei vergeudet, hat sich diesen Urlaub redlich verdient. Eine Woche - für Piet eine enorm lange Zeit - Helgoland, Störtebekers Insel. Die Geschichte Störtebekers hatte Piet schon zu seiner Kindheit fasziniert und endlich wird sein Traum wahr. Einmal nach Helgoland. Er merkt, wie langsam die ganze Arbeitsanspannung von ihm abfällt, während er den Hafenarbeitern zusieht wie diese das letzte Haltetau vom Poller lösen und mit gekonntem Schwung dem Seemann an Deck zuwerfen.

Piet dreht sich langsam um und betrachtet die anderen Passagiere, die sich, mit Kameras und Kleinrucksäcken bewehrt, ihre Plätze auf dem Promenadendeck suchen, schnatternd, fröhlich und durcheinander wuselnd als gäbe es kein morgen mehr. Lächelnd tastet Piet mit seiner linken Hand nach dem Seesack, der neben ihm an der Reling lehnt. Diesen hatte heimlich nach seinem Wehrdienst bei der Bundesmarine mitgehen lassen und war jedes mal froh darüber - ein Platzwunder. Amüsiert über das bunte Treiben der zumeist Tagestouristen begibt er sich unter Deck. Er lässt den Seesack auf eine der Polsterbänke im Bordcafé plumpsen und schlendert wieder hinauf an Deck. Angst, dass ihm etwas abhanden kommen könnte hat er nicht. Die wichtigsten Sachen trägt er bei sich und wer sollte schon etwas mit seiner Unterwäsche anfangen, und wo wollte denn ein Dieb auf einem so kleinen Schiff schon hin.

Jetzt, da alle Leinen los sind und der Dieselmotor des Schiffes leichte Vibrationen auf die Füße überträgt, legt die Fähre ab. Langsam schiebt sie sich an der Hafeneinfahrt vorbei hinaus in die Fahrrinne um zum offenen Meer zu gelangen. Piet steht wie all die anderen Passagiere auf dem Promenadendeck und genießt wie sich der Hafen langsam aber sicher entfernt. Das Wetter ist prächtig. Sonnenschein, blauer Himmel und keine Wolke weit und breit. Der Wind weht angenehm kühl aber dennoch recht kräftig. Das Wasser ist zwar nicht so ruhig wie Piet sich das gewünscht hätte, aber dennoch kein Problem für ihn. Er entgeht dem Trubel als er ein Stockwerk höher steigt und sich dort mit beiden Ellbogen auf die Reling stützt, die Nase in den Wind gesteckt und einen tiefen, befreienden Atemzug tut. Endlich Ruhe. Versonnen starrt er auf das Meer, beobachtet, wie ein Seezeichen nach dem anderen vorbeigleitet (er weiß, dass eigentlich er es ist, der an den Bojen vorbeizieht).

Piet weiß gar nicht, wie langer er so dagestanden hat. Er stützt sich auf und lässt den Blick schweifen. Unmittelbar neben seinem rechten Fuß entdeckt er die Schale einer Herzmuschel. Er hat mal gehört, dass Möwen Muscheln aus einer gewissen Höhe auf Deck fallen lassen, damit die Muschen platzen und sie an das Fleisch kommen - clevere Biester. Beinahe verzückt über dieses kleine Detail, bückt er sich, hebt die Muschel auf, lässt sie eine kurze Zeit durch seine Finger gleiten und schmeißt sie zurück ins Meer. Während er der Stelle nachsieht, an der die Muschel ins Wasser gefallen ist, denkt er sich, dass das Schiff doch relativ hoch ist und wie lange er im Wasser aushalten könnte, wenn er jetzt herabfiele. Noch in diesem Gedankengang spürt er einen Druck zwischen den Schulterblättern. Mit einem Ruck stößt er sich rückwärts von der Reling ab und wirbelt herum. Niemand. Wie kommt er jetzt auf solch absurde Gedanken. Noch mit recht heftig pochendem Herzen legt er sich auf einen der bereitgelegten Liegestühle an Deck und schließt die Augen. Die restlichen anderthalb Stunden vergehen wie im Flug. Ab und zu schaut er einem Kutter nach oder beobachtet den Horizont, wie er sich leicht auf und ab bewegt. Piet ist jetzt die Ruhe selbst. Eine seiner Ex-Freundinnen, eine esoterisch angehauchte Feng-Shui-Verfechterin, hätte jetzt gesagt er hätte seine Mitte gefunden - oder so ähnlich. Er hatte davon noch nie viel gehalten.

Als Helgoland in Sicht kommt dreht Piet seinen Liegestuhl so, dass er den Roten Felsen bequem im Liegen anschauen kann. Fast majestätisch taucht die Insel im Dunst auf, vorgelagert die Badedüne mit ihrem kleinen Leuchtfeuer. Endlich ist sein Ziel in Sicht und der Urlaub kann beginnen. Er steht langsam auf und klettert wieder unter Deck (die schmale Stahltreppe ist doch recht steil) um seinen Seesack wieder in seine Obhut zu nehmen. Natürlich ist der Seesack unberührt an der Stelle, wo Piet ihn zurückgelassen hat.

Jetzt geht alles ziemlich schnell. Die Passagierfähre hält kurz vor dem Hafenbecken und wird schon von kleinen Booten in Empfang genommen, die die Touristen auf die Inseln fahren sollen. Das Ausbooten hatte Piet sich hektischer vorgestellt. Aber die Besatzungen der kleinen Boote lassen nicht von ihrer Ruhe ab und befördern die Passagiere sicher und gemütlich in die kleinen Kähne. Piet kommt mit dem Rücken in Fahrtrichtung zu sitzen. So kann er die folgendenden Boote und das kleiner werdende Schiff beobachten. Als er am Steuermann seines Bootes vorbeischielt und das andere Schiffchen betrachtet fällt ihm auf, dass dieses anscheinend komplett ohne Besatzung fährt, was die Passagiere gar nicht zu stören scheint. Piet blinzelt kurz und reibt sich die Augen. Doch, jetzt steht da der Steuermann und die zwei anderen Seemänner, einer mit einem martialischen Seeräuberbart. Der Steuermann seines Bootes grinst ihn an und fragt in dem unverwechselbaren Dialekt: "Na, n'büschen seesük?" Aus Verlegenheit nickt Piet kurz und lässt es dabei bewenden, dass ihn der Seemann etwas höhnisch angrient. Piet hat sogar die Vermutung, dass der Steuermann jetzt die Wellen absichtlich etwas mehr schneidet.

Als allen Passagieren wieder aus den Booten geholfen ist, wendet sich Piet - wie alle anderen auch - dem Ortskern zu. Erst mal zur Pension und die Sachen abladen. Er hat Zeit und muss nicht gleich los um alles zu erkunden. Während er langsam den Betonsteg heraufschlendert spürt er unter den Füßen ein leichtes Beben, das etwa 5 Sekunden lang stetig zunimmt und abrupt aufhört. War das jetzt gerade ein Erdbeben? Hastig schaut Piet sich um. Keiner der anderen Leute, die lachend und redend Richtung Unterland gehen scheint es bemerkt zu haben. Piet hatte schon mal gehört, dass wenn man eine Weile auf einem Schiff gewesen war, sich das Festland schwankend anfühlt, weil man noch die austarierenden Schritte von Deck innehatte. Aber dass dieses Phänomen auch bei einer Dreistundenfahrt auftritt, bei der man eigentlich nur gesessen hatte? Seltsam.

Als Piet in seiner Pension ankommt und das Zimmer betritt, legt er erst einmal den Seesack aufs Bett, ausräumen könnte er ihn nachher noch, und wäscht sich erst einmal Hände und Gesicht. Das kalte Wasser tut sehr gut und erfrischt ihn ungemein. So erfrischt beschließt Piet erst einmal etwas essen zu gehen. Hummer, das wäre es jetzt. Und warum auch nicht, er hat ja Urlaub, da kann man sich schon mal was gönnen. Also runter zum Hafen zu den Hummerbuden. Das hat er sich ein wenig anders vorgestellt. Zwei Drittel der Buden bieten gar keinen Hummer, sondern Touristennepp, Kunst und Krempel und Snacks. Zu guter letzt findet er doch an einer Ecke ein Restaurant, in dem er speisen kann, sogar draußen, mit Blick auf den Hafen, in dem ein paar kleine Segelboote vor Anker liegen. Er genoss das Essen in allen Zügen und gönnt sich zum Abschluss noch einen Mai-Tai, der es in sich hat und ein Dessert mit Granatapfelkernen. Wieder spürt er das Beben unter seinen Füßen. Da aber wieder niemand darauf reagiert schiebt Piet das auf den Alkoholgehalt des Cocktails und denkt nicht weiter darüber nach. Mit einem gekonnten Griff in seine Innentasche angelt Piet ein Päckchen Zigaretten und Streichhölzer hervor und schafft es, eine Zigarette einhändig anzuzünden. Ein Trick, den er jahrelang geübt hatte, und der immer Eindruck machte. Mittlerweile senkt sich die Sonne, Piet hat es geschafft volle dreieinhalb Stunden beim Essen zu sitzen. Er zieht noch einmal an seinem Lungentorpedo bevor er ihn ausdrückt und sich bereit macht zu zahlen.

Die Hände in den Hosentaschen und hemdsärmelig schlendert Piet die Promenade entlang und langsam Richtung Koje. Die viele frische Luft und das üppige Essen haben ihn doch etwas müde gemacht. Nach einer ausgiebigen Dusche und einer gründlichen Rasur, Piet hasst es sich morgens zu rasieren, lässt er sich komplett unbekleidet auf das saubere Bett fallen. Er schafft gerade noch das Licht der Nachttischlampe zu löschen als er auch schon zu schlafen beginnt.

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Jochen
16.06.2006, 10:55
Piet wacht ruckartig davon auf, dass sein ganzer Körper geschüttelt wird. Um ihn herum ist es stockdunkel. Er tastet nach der Lampe, seine Hände greifen aber nur blind ins Leere. Die Luft riecht seltsam, trocken und muffig. Panisch setzt er sich auf und tastet um sich. Kein weiches Bett, keine Steppdecke. Nur kalter harter Boden um ihn herum. Wo zur Hölle ist er. Vor lauter Angst lässt Piet einen Schrei fahren. Ein kurzer Nachhall, ansonsten klingt es sehr dumpf um ihn herum. Piet springt auf und stößt ich derart brutal den Kopf an einer niedrigen Decke, dass er zusammensackt und eine Ewigkeit nur Blitze vor den Augen hat. Als er wieder halbwegs bewegungsfähig ist tastet er an sich herunter. Er ist vollständig bekleidet, mit den Klamotten, die er am Vortag getragen hatte. Tastend klopft er sich ab. Geldbeutel, Zigaretten, Handy, Streichhölzer - alles da. Streichhölzer! Piet reißt eines der Hölzer an und betrachtet seine Umgebung. Er befindet sich in einem schmalen, dunklen Gang mit niedriger Decke (was er ja schon längst wusste). Alle Wände aus verschaltem Beton. Ungläubig dreht Piet sich nach links und rechts und unterdrückt einen weiteren Schrei. Das Streichholz ist aus. Finger verbrannt. Warum kann er nicht wie alle andern mit einem Feuerzeug sine Zigaretten anzünden. Er reißt ein neues Holz an, diesmal mit einem Auge auf dem Zündholz, das andere erkundend umherschweifend. Langsam sammeln sich seine Sinne wieder. Das Handy - Gott segne die mobile Telefonie! Er angelt es aus der Jackentasche und versucht die Tastensperre zu lösen. Nichts. Ein Druck auf den Einschalter und das Display flackert bläulich auf. Kurze Zeit später erfolgt die Aufforderung den PIN-Code einzugeben. Routiniert klickert Piet die Zahlen ein. Nichts passiert. Obwohl nichts übertrieben ist. Mit einem absterbendem Piepton geht das Handy aus. Kein Saft auf dem Akku. Gott segne die eigene Dummheit, denkt Piet, warum hatte er das Telefon nicht aufgeladen? Ach ja, er wollte seine Ruhe und war für niemanden zu erreichen. Genauso wie er jetzt niemanden mehr erreichen konnte. Auge um Auge. Piet sinkt zusammen und bleibt mit dem Rücken an einer Seitenwand sitzen, die Hände schlaff neben dem Körper, die Beine von sich gestreckt. Er resigniert, nur um nicht vollständig der Panik zu verfallen. Wo ist er, was ist das für ein Gang, wo führt er hin, und vor allem: Wie kommt er hierher?

Sein Körper wird durch ein Beben (er kennt dieses Phänomen schon) geschüttelt. Kurz und heftig. Ein Grollen, wie von weit entferntem Donner dringt an sein linkes Ohr. Links, Piet weiß jetzt dass er sich nach links wenden sollte. Dorthin, woher das unwirkliche Geräusch kam. Da Piet die Bodenbeschaffenheit nicht kennt und die niedrige Decke fürchtet beginnt er auf allen Vieren sich nach vorne zu tasten. Nach gefühlten zehn Metern zündet er ein weiteres Streichholz an und sieht sich um. Keine Veränderung. Wie kann er feststellen wie schnell er vorwärts kommt und wie weit? Außerdem muss er Streichhölzer sparen, wer weiß, wie lange er sich hier aufhalten muss. Romane hat er zur Genüge gelesen um zu wissen, wie sich dort die heldenhaften Protagonisten erfolgreich verhalten. Nur mit dem Unterschied, dass dies kein Roman zu sein scheint sondern Realität. Geistesgegenwärtig entledigt er sich eines Sockens, zieht den Schuh wieder an und krabbelt weiter. Nach einer Weile hält er wieder inne und beleuchtet das Dunkel mit einem weiteren Zündholz. Der Socken ist als kleines schwarzes Häufchen gerade noch hinter Piet erkennbar. Das geht ja doch recht flott, denkt Piet. Wieder hört Piet ein Geräusch. Diesmal kein Grollen, sondern eher ein moduliertes Summen, dass endgültig abklingt. Er krabbelt schneller. Da, ein Lufthauch und der Geruch von Salz und Tang. Die Luft wirkt auch nicht mehr so trocken und der Boden unter ihm wird gröber und steiniger. Das summende Geräusch kehrt wieder, steigert sich zu einem Kreischen gefolgt von einem gleichmäßigen Tackern. Und wieder ist es still. Der Gang macht jetzt ein Linksbiegung und endet in einer Sackgasse. Piet fühlt sich schlagartig schlecht, sehr schlecht. Ein Labyrinth - er ist in einem Labyrinth gefangen.

Wieder sinkt Piet in sich zusammen, den Kopf ins Genick gelegt. Hoch über ihm schimmert es grau. Piet befindet sich jetzt in einem Raum, der ca. 3m hoch zu sein scheint. Durch den Schlitz an der Außenwand dringt schwaches Tageslicht und Luft. Wenigsten hat er frische Luft. Wie er so dasitzt bemerkt er, dass auch Luft an seinem unbekleideten Knöchel vorbeistreift. Irgendwo muss noch eine Öffnung sein. Eine Öffnung, die wesentlich tiefer liegt, als das Fenster über ihm. Piet rappelt sich auf und geht ein Stück zurück in den Gang, der sich zusehends verengt und niedriger wird. Jetzt, wo er ein wenig Licht hat geht es einfacher. Bis kurz hinter die zuvor gekrabbelte Kurve. Dann ist wieder Finsternis um ihn herum. Er macht ein neues Streichholz an und bemerkt, dass er nur noch zwei verbleibende hat. Die Flamme flackert stark nach links. Den Blick nach rechts gewandt, sieht Piet wie direkt dort wo er den Blick hinrichtet ein Öffnung in der Wand ist, durch die Luft hereinströmt. Er zwängt sich durch die Öffnung und stolpert beinahe drei niedrige Stufen hinunter. Jetzt ist der Meeresgeruch unverkennbar. Piet beginnt schneller zu laufen. Der Gang wird wieder weiter und macht einige Biegungen. Jetzt sieht man schon einen kleinen hellen Punkt am Ende des Tunnels. Noch ca. 300 m und Piet wird das Freie erreichen. Plötzlich ein Knall gefolgt von dem Knattern und eine Erschütterung lässt den Boden unter Piets Füßen erzittern. Stille. Der Boden besteht jetzt aus Naturstein, rotem Naturstein. Piet hastet mit langen Schritten dem Ausgang entgegen. Noch zwei, noch ein Schritt, drei schmale Stufen hinab und Piet steht im Freien.

Es scheint früher morgen zu sein. Die Luft ist kühl und seltsam diesig. Aber der Nebel sieht eher aus wie Qualm. Es riecht nach Metall und verbrannter Luft. Es ist Qualm. Piet dreht sich einmal um di eigenen Achse. Vor ihm liegt direkt das offene Meer, er steht auf einem kleinen Betonplateau, zwei Meter über der Wasseroberfläche. Neben und hinter ihm erheben sich gewaltige Wände aus rotem Fels. „Helgoland, ich bin immer noch auf Helgoland“, sagt Piet zu sich selbst. Wie aus dem Nichts taucht links über ihm mit einem ohrenbetäubenden Kreischen ein kleines Flugzeug auf, zieht an ihm vorbei, kippt mit der einen Tragfläche ab und legt sich in die Kurve. Piet traut seinen Augen nicht. Auf dem Rumpf der Maschine ist eine Art Zielscheibe aufgemalt. Von außen nach innen in den Farben Blau Weiß und Rot. Auch sieht die Maschine selbst seltsam aus, aber nicht unbekannt. Eine Spitfire denkt Piet Eine Spitfire. Er kennt das Flugzeug aus seinen Kindertagen, als er es als Modell nachgebaut hat. Eine Spitfire mit den englischen Kriegszeichen. In diesem Augenblick startet das Geschützfeuer über ihm. Ein lautes Stakkato und eine Spur von Geschossen hinter dem Flieger her. Die Spitfire entkommt, dreht bei und eröffnet ihrerseits das Feuer. Piet flüchtet zurück in den Gang. Völlig außer Atem von der Szene die sich ihm gerade darbot. Langsam aber sicher dämmert es ihm wo er sich gerade befindet. Ein Eingang zum Bunkersystem auf Helgoland, das muss es sein. Er ist nicht durch den Hades gewandert sondern durch die Bunkeranlage der Nazis aus dem zweiten Weltkrieg. Falsch! Er war anscheinend mittendrin. Piet schließt die Augen. „Das kann nicht sein! Ich träume!" Aber es hört nicht auf. Piet befindet sich immer noch zusammengekauert am Eingang des Bunkergangs. Als er keine Geräusche mehr hört nimmt er sich ein Herz und geht wieder nach draußen. „Lage peilen“ hätte sein bester Freund aus Kindertagen dazu gesagt. Piet schleicht langsam vor an die Felsecke über dem Meer und sieht sich um. Ein Betongrat für knapp unterhalb vorbei, weiter links eine weitere Einbuchtung im Felsen. Piet beschließt schnell dort hin zu kommen. Runter auf die Wehrbefestigung und schnell gesprintet. Kaum hat er die Bucht erreicht, donnert es erneut. Ein Einschlag, so vermutet Piet. Ein Bombeneinschlag auf Oberland. Flach an den steilen Felsen gedrückt sieht er sich um. Die Bucht erweist sich als Einkerbung in den Helgoländer Felsen und reicht ca. 20 m hinein. Die Kerbe scheint am Ende etwas flacher Richtung Oberland anzusteigen. Vorsichtig geht Piet darauf zu. Der Weg nach oben sieht steil aus, aber nicht unmöglich. Piet beginnt den Aufstieg. Nach endlosen Minuten kommt er atemlos auf einem kleinen Absatz an, drei Meter unter dem vermeintlichen Ziel.

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Jochen
16.06.2006, 10:56
Langsam streckt Piet die Hand aus und zieht sich auf das Oberlandplateau. Die ganze Zeit war es still gewesen. Kein Geschützfeuer, keine Spitfire. Er zweifelt an seinem Verstand. Aber nur kurz, sehr kurz. Als er sich umblickt erschauert er. Oberland ist verwüstet und von Bombentrichtern übersäht. Direkt links in seiner Nähe ein zerstörtes Flag. Und Rauch überall Rauch. Links ist die Lange Anna durch den Rauch erahnbar, auf dem Buckel daneben ein zerstörtes Haus. Jetzt weiß Piet auch ungefähr wo auf Oberland er sich befindet. Wenn er sich jetzt nach rechts wendet, dürfte e die Häuser von Oberland mit einem Zwei-Minuten-Sprint erreichen. Er läuft los. Wo ist das Leuchtfeuer? Keine Häuser, nur hier und da ein paar vereinzelte Baracken – zerstört. Hinter sich hört Piet jetzt wieder das Kreischen von Flugzeugmotoren. Im Rennen wendet er den Kopf, sieht zwei Jäger auf sich zukommen, verliert das Gleichgewicht und fällt in einen zwei Meter tiefen Krater. Vor Schmerzen brüllt Piet auf. Die Maschinen brausen über ihn hinweg. Piet hält sich den Knöchel, der unter seinen Händen schon anschwillt. Das war es mit Rennen. Regungslos bleibt er liegen und wendet das Gesicht nach unten um den Piloten nicht sein helles Gesicht zu zeigen, das ein prächtiges Ziel abgäbe. Wozu der Wehrdienst doch gut gewesen ist, denkt er mit bitterem Beigeschmack. So gut es geht spät Piet über den Kraterrand. Alles scheint ruhig zu sein. Er krabbelt aus den Bombentrichter und humpelt Richtung des Ortes, wo er die Treppe vermutet. Den Aufzug hat er abgeschrieben, wahrscheinlich gibt es den noch gar nicht. Ohne weitere Zwischenfälle erreicht er die Treppe. Ein Holzgerüst, das ganz und gar keinen vertrauenserweckenden Eindruck macht. Aber in der Situation, in der sich Piet gerade befindet ist einem so etwas egal. Mutig fängt er an abzusteigen. Jeder zweite Schritt lässt ihn aufstöhnen und das Gesicht verzerren. Aber er kommt gut voran. Als er den Blick einmal in die Ferne schweifen lässt, sieht er den Hafen. Eingefasst in Beton dümpeln dort zwei kleinere Kreuzer der Marine. Das Kreuz am Kommandostand ist unverkennbar. In einem klafft ein mannshohes Loch. Piet steigt weiter ab. Das Knacken und Krachen des Holzes nimmt zu. Nur noch fünf Meter, schätzt Piet als die Stufe unter ihm nachgibt und ihn unsanft unter gewaltigem Poltern zu Boden befördert. Wie durch ein Wunder bleibt er, außer ein paar Schrammen in Gesicht und an den Händen, unverletzt. Langsam humpelt er ziellos durch die Straßen mit den zerstörten Fischerhäusern. Wohin soll er gehen, wo findet er Schutz? Während er über diverse Verstecke nachdenkt steht er plötzlich an der Hafenmauer. Rechter Hand ein Geschützbunker aus Beton. Das Schicksal hat ihm wohl eine Lösung serviert. Er geht langsam um den Bunker herum und späht vorsichtig durch die Geschützschlitze. Dann, mit einem mutigen Schritt tritt er durch die leicht geöffnete Stahltür ein. Der Raum ist leer. Kreisrund und absolut leer. Er schiebt die Tür zu. Keine leichte Sache, da die Tür durch einen Treffer ziemlich verzogen ist. Piet setzt sich in den Staub. Die Arme um die Knie geschlungen denkt er über die Szenerie nach. Krieg, er ist im Krieg. Alles ist zerstört. Aber – er hat keinen Menschen gesehen. Werde tote, noch lebendige. Er kann sich nicht einmal erinnern, dass er den Piloten der ersten Maschine hat erkennen können. Die Anstrengungen der vergangenen Stunden waren wohl zuviel für Piet. Er schläft ein.

Piet wacht ruckartig davon auf, dass sein ganzer Körper geschüttelt wird. Erschrocken schlägt er die Augen auf und schließt sie sofort wieder. Grelles Sonnenlicht blendet ihn. Das Schütteln hört nicht auf und er hört – Stimmen. „Mien Jung, stünn op! Do kuunst du nich liggen blieven!“ Langsam erscheint das Gesicht eines Alten Mannes vor Piets Augen. Ruckartig setzt er sich auf und schaut sich verstört um. „Wwwas?“ stottert Piet. „Wöör woll toveel, güssern, he?“ fragt der alte Mann weiter. Piet setzt sich ganz auf. Alles sieht so aus, wie er es gestern bei seiner Ankunft gesehen hat. Oberland zeigt sich in strahlendem Rot, Grün und Blau, der Leuchtturm ragt in den Himmel. „Wwwas?“ fragt Piet noch einmal, aber der Mann ist schon weg. Piet schaut sich genauer um. Er sitzt in der Nähe des Hafens in einem Durchgang neben einem Briefkasten. Laut der dort hängenden Uhr ist es 8:30 Uhr in der früh. Piet ist komplett angezogen, genauso, wie er gestern zum Essen aus war, nur etwas dreckiger. Er steht auf, zuckt zusammen, als er den linken Fuß belasten will. Der Knöchel dick. Seine Handflächen haben Schrammen und auch sein Gesicht fühlt sich nicht sehr wohl an. Langsam humpelt er die Treppenstufen hinauf Richtung Ortskern zu seiner Pension. Dort angekommen sofort auf sein Zimmer und ins Bad. Sein Gesicht sieht besser aus als er vermutet hat, nur eine kleine Schramme auf der rechten Wange. Nach einer langen heißen Dusche fühlt er sich schon besser. Er kleidet sich neu an und begibt sich zum Frühstück. Danach legt er sich in sein Bett und schläft einen tiefen, erholsamen Schlaf. Als er wieder aufwacht ist es 18 Uhr und sein Magen meldet sich zu Wort.

Heute Abend wird Piet Pommes Frites essen und dazu ein kühles Mineralwasser trinken, soviel ist klar. :D

Der Urlaub verläuft ohne weitere Zwischenfälle.

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Hat zwar nur indirekt etwas mit Helgoland zu tun, aber vieleicht gefällt's auch so.

Gruß
Jochen

Jochen
21.06.2006, 09:48
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Spitfire über Helgoland; natürlich kein Originaldokument :)