Historischer Stapellauf: Der erste Überseefrachter der DDR

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frische Luft
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Historischer Stapellauf: Der erste Überseefrachter der DDR

Beitrag von frische Luft »

Historischer Stapellauf: Der erste Überseefrachter der DDR
Ein NDR-Beitrag-Geschichte, Stand: 14.01.2026 05:00 Uhr
Quelle: https://www.ndr.de/geschichte/schiffe/h ... n-112.html

Bild und Text-Kopie.
Screenshot aus o. g. Link.jpg
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Am 14. Januar 1956 läuft in Rostock die "Frieden" vom Stapel.
Die DDR feiert ihren ersten großen Überseefrachter. Nach anfänglichen Problemen beginnt nun der Aufbau der Handelsflotte, die begehrte Devisen einbringen soll.


von Dirk Hempel

Auf der Warnowwerft in Rostock ist alles vorbereitet an diesem 14. Januar 1956 - für den Stapellauf des ersten großen Überseefrachters der jungen DDR. Wetter- und Wasserstandsvorhersagen sind geprüft, das Schiff über die Toppen geflaggt und mit Girlanden geschmückt. Im Hafenbecken halten sich vier Schlepper bereit.

Die DDR hat anfangs kaum Werften
Der "volkseigene Betrieb" ist wie die großen Werften in Stralsund, Wolgast und Wismar überhaupt erst nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet worden, weil die Sowjetunion den Bau von Schiffen als Reparationen fordert. Erst seit Kurzem darf die DDR eigene Schiffe produzieren, vor allem für Handel mit anderen Ländern. Das ist auch dringend erforderlich. Denn der sozialistische Staat mit seiner im Westen wertlosen Währung braucht Devisen - US-Dollar, D-Mark und Britisches Pfund.

1952 wird eigens eine Reederei gegründet
Das Frachtschiff "Frieden" auf der Helling der Warnemünder Warnow-Werft (Aufnahme von 1956)
Bild ist im o.g. Link zu sehen.

Der erste Überseefrachter der DDR, die "Frieden", wird auf der Warnowwerft in Rostock gebaut.
Betrieben wird die Flotte von der Deutschen Seereederei (DSR), die in einem alten Lagerschuppen am Rostocker Stadthafen untergekommen ist und anfangs nur über wenige alte Schiffe verfügt. Deshalb ist der 10.000-Tonnen-Frachter, der auch ferne Erdteile erreichen kann, ein wichtiger Posten im ersten Fünfjahresplan der Deutschen Demokratischen Republik.

Zum Stapellauf kommen Tausende
Immer mehr Menschen strömen an diesem Sonnabend im Januar auf das Werftgelände. Der Weg dorthin ist von DDR-Flaggen gesäumt und mit Propaganda-Bannern überspannt. Auch die Blaskapelle der Volkspolizei See ist schon aufmarschiert, die Ehrentribüne unter dem mächtigen Bug mit Polit- und Werftprominenz gefüllt. Um 12 Uhr mittags schleudert ein Schiffbaumeister eine Flasche sowjetischen Sekts gegen den Steven und tauft das Schiff auf den Namen "Frieden". Als es die Helling hinunterrauscht, spielt die Polizeikapelle "Auferstanden aus Ruinen", die Nationalhymne der DDR. Dann verholen die Schlepper das Schiff an den Ausrüstungskai.

Das Schifffahrtsmuseum Rostock zeigt in einem Online-Fotoalbum Bilder vom Stapellauf der "Frieden".
Im o.g. Link zu sehen.

Am Abend wird gefeiert
Im Kulturhaus der Werft kommen anschließend Arbeiter und Ingenieure zusammen. Viele von ihnen haben bis 1945 in den Rostocker Flugzeugwerken von Heinkel und Arado Bomber und sogar Düsenflugzeuge für die NS-Rüstung gebaut, andere vor ihrer Flucht und Vertreibung auf den Werften in Danzig und Stettin gearbeitet. Jetzt feiern sie gemeinsam bei Kaffee, Schnaps und Bier. So zeigen es Fotos, die im Schifffahrtsmuseum Rostock erhalten sind, das im Stadtteil Schmarl das maritime Erbe der Stadt pflegt.

Das "Traditionsschiff Typ Frieden" liegt an der Warnow in Rostock.
Schifffahrtsmuseum Rostock: Maritime Entdeckungstour
Die Ausstellung an Bord eines alten DDR-Hochseefrachters führt durch die Geschichte der Seefahrt von ihren Anfängen bis heute.

Die "Frieden" befördert auch Passagiere
Der 10.000-Tonnen-Frachter ist für die damalige Zeit ein großes Schiff, 157 Meter lang und 20 Meter breit. Es läuft 15 Knoten und ist aus Sektionen zusammengesetzt, geschweißt und nicht genietet. Das soll den Serienbau weiterer Schiffe des Typs IV beschleunigen.

Es gibt fünf Laderäume und Kabinen für 57 Mann Besatzung, außerdem zwei Messen: Die Schiffsoffiziere speisen auch im Staat der Arbeiter und Bauern getrennt von der Mannschaft. Zusätzlich haben zwölf Passagiere Platz, eine beliebte Reisemöglichkeit in einer Zeit, in der Fluglinien noch nicht jeden Winkel der Erde erreichen.

Der Schiffstaufe folgt die Propaganda
Die Zeitungen der DDR künden von der Überlegenheit des Sozialismus. Ein Arbeiter, der schon in der Kaiserzeit am Bau des luxuriösen Dampfers "Imperator" in Hamburg beteiligt war, wird im "Neuen Deutschland" mit den Worten zitiert, die "Frieden" sei das schönste Schiff, an dem er je mitgebaut habe. Und der Schiffbaumeister, der das Schiff getauft hat, habe anlässlich des Stapellaufs um Aufnahme in die SED gebeten. Der für Schwermaschinenbau zuständige Minister Erich Apel hebt in seiner Taufrede den "höchstentwickelten Stand der Technik" hervor. Er kündigt eine baldige Vervierfachung der Schiffbauproduktion an.

Materialmangel erschwert den Bau
MS "Frieden" vor der Probefahrt am 1. Mai 1957
Die "Frieden" liegt vor ihrer ersten Probefahrt am 1. Mai 1957 in Warnemünde am Kai.
Bild ist im o.g. Link zu sehen.

Doch die Realität in der Planwirtschaft sieht anders aus. Weil Neubauten für die Sowjetunion Vorrang haben, warten die Werftarbeiter immer wieder auf Material. Auch das vom "großen Bruder" übernommene Schweißverfahren erweist sich als unzuverlässig. Die Nähte der Außenhaut weisen Mängel auf, müssen nachgebessert werden. Und die Motorenbauer des gerade erst gegründeten VEB Energie- und Kraftmaschinenbau Halberstadt sind noch kaum in der Lage, leistungsfähige Schiffsdiesel zu konzipieren.

Eklat bei der Schiffsabnahme
MS "Frieden"
Im Sommer 1957 holt die "Frieden" aus Leningrad Getreide für die Bäckereien der DDR.
Bild ist im o.g. Link zu sehen.

Bei der Übergabe der "Frieden" am 23. Juni 1957 stellt die Deutsche Seerederei weitere Mängel fest. Der Fahrstand der vier Hauptmotoren ist noch nicht geliefert und die Schiffsdiesel aus Halberstadt erscheinen den Seeleuten für die Überseefahrt zu schwach. Außerdem fehlen etliche Ausrüstungsgegenstände. Während der Werftdirektor trotzdem die Abnahme des Schiffes fordert, weil er die Planerfüllung in Gefahr sieht, befürchtet der Reedereichef Pannen auf See und teure Reparaturen im Ausland. Erst nach langen Diskussionen einigen sich die Kontrahenten: Die Werft muss die Mängel während der ersten Reise beheben und einen Teil der Fahrtkosten tragen.

Aufbruch nach China
Ende Juni 1957 fährt die "Frieden" zunächst nach Leningrad und Riga, wo Getreide geladen wird. Dann geht es mit Kali und Stückgut ins ägyptische Alexandria und nach Noworossisk im Schwarzen Meer, bevor Zitrusfrüchte aus Beirut und Izmir geholt werden. 1958 bricht die "Frieden" erstmals nach China auf. Sie bringt Kalisalz nach Schanghai, wo das Löschen der Ladung damals noch zehn Tage dauert, und kehrt nach dreieinhalb Monaten mit Sojabohnen, Speiseöl und Zootieren zurück. Auf dieser Reise wird der anfangs schwarze Schiffsrumpf hellgrau angestrichen. Die Farbe wird bald zum Erkennungszeichen der DSR-Schiffe.

Zwangspause im Vietnamkrieg
MS "Frieden" im Rostocker Überseehafen im Juli 1969
Die "Frieden" wird im Juli 1969 in Rostocker Überseehafen für eine Fahrt nach Vietnam ausgerüstet.
Bild ist im o.g. Link zu sehen.

Das Schiff fährt auch regelmäßig nach Kuba, nach Mexiko und Brasilien, und immer wieder nach Asien, ins heutige Myanmar, nach Indien und Nordvietnam. Im Hafen von Haiphong 1972/73 wird es ein Jahr lang festgehalten, weil die USA im Krieg gegen den kommunistischen Vietcong die Ausfahrt verminen. Die Besatzung erlebt die Bombardierung der Stadt, vertreibt sich die Wartezeit mit Sportwettkämpfen gegen andere Besatzungen, tauscht Lebensmittel mit sowjetischen Schiffen und überholt die Maschine, wie Gerd Peters in seinem Buch "Typ IV. Die legendären Frachter der DDR" schreibt.

Partei und Stasi sind immer an Bord
Die Seeleute der DSR gelten als privilegiert, weil sie die enge DDR hinter dem Eisernen Vorhang immer wieder verlassen, die Welt bereisen können. Aber sie stehen auch unter besonderer Beobachtung, selbst ihr Privatleben und ihre charakterlichen Eigenschaften werden überprüft. Groß ist die Furcht des Staates vor der "Republikflucht". Besonders Kontakte mit Seeleuten aus der Bundesrepublik sind verboten, können zur sofortigen Entlassung führen. Dennoch finden in Übersee immer wieder deutsch-deutsche Fußballspiele statt und gemeinsame Bierabende mit Rostocker Hafenbräu.

Auf jedem Schiff fährt immer auch ein Politoffizier mit. Er gehört der politischen Abteilung der DSR an, soll für die ideologische Erziehung der Besatzung sorgen und darüber wachen, dass die DDR im Ausland positiv dargestellt wird, wie Franziska Cammin in ihrer Untersuchung "Die Deutsche Seereederei als Staatsreederei der DDR" (2014) schreibt. Auch die Staatssicherheit ist an Bord aktiv, bemüht sich, mindestens ein Besatzungsmitglied als inoffiziellen Mitarbeiter zu verpflichten.

Die auch heute noch beliebte Serie "Zur See", die 1974 für das DDR-Fernsehen auf dem DSR-Schiff "J.G. Fichte" gedreht wird, zeigt diese Seite der sozialistischen Seefahrt jedoch nicht, sondern wirbt mit spannenden Geschichten linientreu für den Seemannsberuf im VEB Deutsche Seereederei.
Viel zu spät begreifen viele die versäumten Lebensziele:
Freuden, Schönheit und Natur, Gesundheit, Reisen und Kultur.
Darum, Mensch, sei zeitig weise !
Höchste Zeit ist’s!
Reise, reise :D ... AN DIE KÜSTE

Wilhelm Busch, *15.04.1832, gest. 09.01.1908.
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